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Pressemitteilungen

Studie zur Gemeinschaftsschule
Schwäbisches Himmelfahrtskommando

Ein Gutachten stellt dem Vorzeigeprojekt Gemeinschaftsschule ein vernichtendes Urteil aus. Vor allem das individuelle Lernen erweise sich als denkbar ineffektiv.

16.08.2015, von HEIKE SCHMOLLBERLIN

Die Gemeinschaftsschule ist das Vorzeigeprojekt der grün-roten Landesregierung in Stuttgart schlechthin. Sie soll nicht nur das gemeinsame Lernen ganz unterschiedlich begabter Schüler ermöglichen, sondern dient angesichts der sinkenden Schülerzahlen an vielen Orten des Flächenlandes Baden-Württemberg dazu, den Schulstandort zu sichern. Viele Gemeinschaftsschulen finden sich deshalb im ländlichen Raum, ganz gleich, welche Partei den Gemeinderat gerade regiert.

Nun wurde ein vernichtendes Gutachten über die Gemeinschaftsschule bekannt, das vom Kultusministerium bisher unter Verschluss gehalten wird, den Vermerk „nur intern verwenden“ trägt und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegt. Danach gelingt weder die neue Unterrichtsform des selbständigen Lernens mit Lehrern als Lernbegleitern noch die Inklusion oder die besondere Förderung der Schwächsten und Stärksten. Auch die Leistungsbeurteilung ist mehr als fragwürdig. In den Fremdsprachen kommt das Sprechen zu kurz.

Bei der untersuchten Geschwister-Scholl-Schule mit einem überaus engagierten Lehrerkollegium und viel Partizipation in Tübingen handelt es sich nicht um irgendeine Gemeinschaftsschule, sondern um eine renommierte, die von Kultusminister Andreas Stoch (SPD) gern als beispielhaft bezeichnet wird, denn dort hat man eigentlich Erfahrung mit integrativen Unterrichtsformen. Die 1972/73 gegründete Schule ist eine öffentliche Verbundschule, die unter ihrem Dach zunächst eine Hauptschule/Werkrealschule, eine Realschule und ein Gymnasium beherbergte. Vom Schuljahr 2009/10 an war sie als Schulversuchsmodell „Erweiterte Kooperation“ (Erko) geführt worden, das unter dem damaligen Kultusminister Helmut Rau (CDU) eingerichtet worden war.

Die Geschwister-Scholl-Schule war also bestens vorbereitet, als die seinerzeit noch existierende Stabsstelle im SPD-regierten Kultusministerium ihr 2012 nahelegte, sich in eine Gemeinschaftsschule zu verwandeln. Die Schule beugte sich zögerlich, weil sie nicht den Eindruck erwecken wollte, ihren Standort in einer Universitätsstadt mit vier weiteren Gymnasien, einer Realschule und zwei weiteren Gemeinschaftsschulen retten zu wollen – denn sie ist etabliert. Während die Anmeldezahlen an den beiden anderen Gemeinschaftsschulen zum vergangenen Schuljahr 2014/15 erheblich zurückgingen, blieben sie in der Geschwister-Scholl-Schule stabil.

Realschulen wollen kaum zur Gemeinschaftsschule werden

Die Schule reichte kurzerhand denselben Antrag wieder ein, der schon bei der Genehmigung des Schulversuchs Erfolg hatte. Der damalige Schulleiter Joachim Friedrichsdorf leitet die Schule auch heute. Denn die Gesamtleitung des Schulverbundes liegt beim Gymnasium, die Leitung der Gemeinschaftsschule hat die Stellvertreterfunktion inne. Friedrichsdorf tourt durch das Land und wirbt für das veränderte Lernen, wenn irgendwo eine Gemeinschaftsschule gegründet werden soll. Nach wie vor sind es vor allem Haupt- und Werkrealschulen, die zur Gemeinschaftsschule werden wollen. Realschulen sind nur in wenigen Fällen dabei.

Wirklich zusammengewachsen sind die Kollegien auch an der Geschwister-Scholl-Schule bis heute nicht, nur zwei Gymnasiallehrer gehören zum Kollegium der Gemeinschaftsschule, sieben unterrichten in beiden Schulformen. Über solche schulorganisatorischen Gefüge hat man sich so wenig Gedanken gemacht wie über das „kooperative Lernen“ (Lernen mit Partner und in Gruppen), das sogar vom Schulgesetz eingefordert wird und in Tübingen offenbar nicht einmal in Ansätzen erkennbar ist.

Lernzeiten werden nicht effektiv genutzt

Selbst einer der entschiedensten Befürworter aus der Bildungsforschung, der Tübinger Erziehungswissenschaftler Thorsten Bohl, kritisiert inzwischen, dass die Gemeinschaftsschule nicht gut aufgestellt sei. Es gebe überhaupt noch keine Forschungen zum individuellen Lernen und nicht einmal einheitliches Unterrichtsmaterial. Die Gemeinschaftsschule gehört also zu den bildungspolitischen Himmelfahrtskommandos, die überstürzt eingeführt wurden. Daran ändern auch die eilig verabreichten Lehrerfortbildungen durch den umstrittenen Schweizer Schulpraktiker Peter Fratton nichts. Immerhin hat das Stuttgarter Wissenschaftsministerium eine auf drei Jahre angelegte wissenschaftliche Begleitforschung etabliert, die Schwachstellen aufdecken soll. Federführend dafür verantwortlich ist die Universität Tübingen unter Leitung von Thorsten Bohl gemeinsam mit den Pädagogischen Hochschulen Freiburg, Heidelberg, Schwäbisch Gmünd und Weingarten.

Mitarbeiter des Lehrstuhls Bohl haben im Rahmen einer alltagsnahen Begleitforschung (in einer zweiten Tranche soll eine Längsschnittbefragung folgen) jetzt die Arbeit der Tübinger Vorzeigeschule unter die Lupe genommen. Sie haben eine Inklusionsklasse mit 19 Schülern und eine weitere Lerngruppe mit 26 Schülern untersucht. Ausgerechnet das individuelle Lernen, das in der Gemeinschaftsschule bei den Kernfächern in zwei der vier Wochenstunden praktiziert werden soll, aber auch im Wahlpflichtbereich viel Raum einnimmt, hat sich als denkbar ineffektiv erwiesen.

In Englisch, Deutsch und Mathematik arbeiten die Schüler an der Geschwister-Scholl-Schule ausschließlich ihre sogenannten Lernpakete ab, das sind Wochenarbeitspläne mit einem konkreten Pensum, das bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erledigt sein muss. Offenbar werden dafür auch Unterrichtsstunden genutzt, die eigentlich gar nicht für das individuelle Arbeiten vorgesehen waren. Sie machen sich weder Gedanken über ihre Arbeitsstrategie, noch nehmen sie sich ein konkretes Pensum vor. Auch die Lehrer unterstützen in den Arbeitsphasen wenig.

Die Schule hatte dieses Modell schon lange entwickelt, um den völlig unterschiedlichen Begabungen ihrer Schüler entgegenzukommen. Selten gibt es auch Aufgaben für die leistungsstarken Schüler, häufig sehen sie identische Aufgaben für die gesamte Lerngruppe vor. Dabei haben die motivierten und fortbildungswilligen Lehrer in die Entwicklung der Lernpakete 121 Deputatsstunden im Gegenwert von 220.000 Euro investiert. Lehrerzentrierte, als besonders effektiv erwiesene Unterrichtsformen und Klassengespräche gibt es in Tübingen so gut wie nicht. Das Lerntagebuch, das die Schüler eigentlich über das Schuljahr hinweg führen sollen, um ihr eigenes Lernverhalten einzuschätzen, aber auch Rückmeldungen zu bekommen, dient in den meisten Fällen nur noch als Schülerkalender. Die Schüler finden es überflüssig.

Sowohl Schüler als auch Lehrer und Eltern „waren sich darüber einig, dass die Lernzeiten nicht effektiv genutzt werden und zu wenig gearbeitet würde“, heißt es in dem insgesamt 38 Seiten umfassenden sachlichen Beobachtungsbericht. Da das Lernen entweder im Gruppenraum, im Lernatelier oder gar auf dem Flur (angeblich nur für Schüler mit „Könner-Button“, was aber nicht kontrolliert wurde) stattfindet, mangelt es an Disziplin. Die aktive Lernzeit sei „sehr gering und in diesem Fall häufig auch das Ausmaß der Störungen entsprechend hoch“.

Positiv ist, dass die Eltern miteinbezogen werden

Während leistungsstärkere Schüler mit der Selbständigkeit gut umgehen können und auch Lernstrategien beherrschen, geraten die schwächeren noch mehr ins Hintertreffen als ohnehin schon. Den Lehrern fehlt der Überblick, welcher Schüler woran arbeitet, welche Fortschritte er macht und die Kontrolle der Ergebnisse kommt zu kurz. Wenn überhaupt, schauen die Lehrer nach Vollständigkeit, Orthographie, Grammatik und Seitenzahl, während „die inhaltliche Qualität der Schülerarbeiten hintangestellt wurde“. Und das an einer Schule, die derlei Lernmodelle schon seit langem praktiziert?

Fragwürdig ist in den Augen der Forscher auch die in Tübingen praktizierte Leistungsmessung. Schüler, deren Gesamtergebnis in der Klassenarbeit unter 40 Prozent liegt, können die Klassenarbeit in neu konzipierter Form wiederholen und das Ergebnis der schlechten Arbeit ersetzen. Doch eigentlich verbietet die Notenbildungsverordnung, dass bereits benotete Leistungsergebnisse gestrichen oder ersetzt werden. So müssten also beide Noten in die Gesamtbewertung einfließen. Hinzu kommt, dass die Benotung in unterschiedlichen Niveaustufen nach Angaben der Forscher zu wenig individuell ist und sich mit den Anforderungen der Bildungsstandards für die drei Schularten Gymnasium, Realschule, Hauptschule nicht deckt. Es wird auf diese Weise zwar annähernd ein Leistungsstand in einem Fach in der Bewertung abgebildet, aber keine Lernentwicklung.

Für die Inklusionsklassen in jedem Jahrgang gibt es keine Vorstellungen und keine zentrale Koordination, und die Schulleitung fühlt sich unter den derzeitigen Bedingungen schlicht überfordert. Es fehle eine Konzeption, die Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten regele, Schulbegleiter für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden kaum einbezogen. Insgesamt seien noch mehr Gymnasial-, Haupt- und Sonderschullehrer an der Gemeinschaftsschule nötig, um Schüler überhaupt ihren Leistungsvoraussetzungen gemäß zu fördern. Mit anderen Worten: Der Unterrichtsalltag vollzieht sich mehr oder weniger ungeordnet, bei den Lehrern mit mehr „Klassenführungskompetenz“, wie die Forscher so schön schreiben, störungsärmer, bei anderen weniger.

Auch die von Grün-Rot angeprangerte frühe Schullaufbahnentscheidung, die durch die Gemeinschaftsschule überwunden werden sollte, ist durch die Hintertür wiedergekommen. Da Französisch nur noch von der 6. Klasse an unterrichtet wird (vorher in den Klassen 6 oder 7) und auf der Schiene mit Technik und Mensch und Umwelt liegt, müssen sich die Schüler doch schon früh entscheiden. Ein Teil der Schüler wird dann zusammen mit weiteren gymnasialen Kindern aus dem Schulverbund für drei Wochenstunden in Französisch unterrichtet, der Rest der Lerngruppen teilt sich in Technik und Mensch und Umwelt auf. Die Unruhe ist trotz der Doppelstundenstruktur unvermeidlich. Positiv wird notiert, dass die Eltern einbezogen werden und das Kollegium motiviert und kritikfähig sei.

 Quelle: F.A.Z.