Slideshow Image 1

Pressemitteilungen

Zumeldung-Pressemitteilung 01/2015

Stuttgart/Bad Saulgau im Februar 2015

Eine Lehrerin versteht die Welt nicht mehr

Die Deutschen sind ein seltsames Volk. Tausende gehen für die Rettung des Juchtenkäfers Woche für Woche auf die Straße, besetzen als Parkschützer Bäume, bauen Krötenzäune, demonstrieren für oder gegen alle möglichen Dinge auf dem ganzen Globus. Christine S. sagt, sie habe nichts dagegen und engagiere sich selbst für humanitäre Ziele. Was sie aber nicht verstehen kann ist die Tatsache, dass die Bürger dieses Landes und die Eltern sehenden Auges zusehen und sogar mitwirken, dass hierzulande eines der besten Bildungssysteme der ganzen Welt zerstört wird.

Als Lehrerin muss Christine S. mit ihrem Kollegium hilflos mit ansehen, wie ihre Schule im Schulzentrum demnächst geschlossen wird. Gleichzeitig quellen die beiden Nachbarschulen aus allen Nähten und können ihren Aufgaben nicht mehr nachkommen. Ihre Schule wurde vor wenigen Jahren vom Schulträger mit Millionenaufwand renoviert und aufs Modernste ausgestattet, während die beiden Nachbarschulen überfüllt und baufällig angesichts eines anstehenden Sanierungsaufwands im zweistelligen Millionenbereich vergeblich auf die längst fällige Erneuerung warten. Es ist nicht so, dass an der Schule schlechte Arbeit geleistet wird. Im Gegenteil: Ihr Kollegium und sie erfahren viel Anerkennung im Ort, im vergangenen Jahr war eine Schülerin der Schule Landessiegerin im Wettbewerb des Kultusministeriums für das Fach Wirtschaft und Informationstechnik. Nach wie vor finden alle Schüler der Schule einen Ausbildungsplatz. Die Schüler selbst fühlen sich wohl hier, was sie selbst in vielen Berichten und Videos auf der Schul-Homepage dokumentieren. Trotzdem gibt es seit einiger Zeit immer weniger Anmeldungen und im nächsten Schuljahr kommt wohl erstmals keine Eingangsklasse mehr zustande.

Während die eine Schule, eine Werkrealschule, aus Schülermangel stirbt, können die beiden anderen, ein Gymnasium und die Realschule, ihre Aufgaben nicht mehr erfüllen, weil sie von Schülern überschwemmt werden, die den Zielen dieser Schulart nicht gewachsen sind. Darunter leidet eine ganze Schülergeneration. Was ist geschehen? Die Hauptschulen und Werkrealschulen verlieren seit Jahren in der Elternschaft an Akzeptanz. Die meisten Menschen wissen gar nicht, was und wie dort mit den Schülern gearbeitet wird. Die Öffentlichkeit ignoriert diese Schulart seit Jahren völlig. Manchmal hat Christine S. den Eindruck, dass auch die Kolleginnen an den selbständigen Grundschulen wenig über ihre Schulart wissen und in der Elternberatung die anderen Schularten zumindest stärker gewichtet werden. Es gibt wenig Sachkenntnis, aber viel Meinung. Auch in den Medien existiert häufig nur noch das Gymnasium und am Rande die Realschule. Haupt- und Werkrealschulen sind out, megaout in diesem Land. Niemand weiß zwar so recht den Grund dafür, aber das Meinungsbild darüber ist felsenfest.

Politik ist die Kunst des Machbaren, nicht des Wünschenswerten. Für Politiker war es durch diese Strömung in der öffentlichen Meinung nicht mehr lohnend, sich für ein differenziertes Schulsystem einzusetzen. Sich dem Trend entgegen zu stemmen bringt keine Wählerstimmen. Für die Haushaltssanierung der klammen Landeskassen schadet es obendrein ja auch nicht, ein paar hundert Schulen im Land zu schließen und dafür die Klassen der anderen aufzufüllen. Unterm Strich spart man so wirklich eine Menge, denn aufgelöste Schulen führen nicht automatisch dazu, dass an den anderen Schulen neue Klassen gebildet werden müssen und somit mehr Lehrer gebraucht werden. Also folgt man dem Trend, propagiert plötzlich, dass eine Steuerung der Bildungslaufbahn nach Leistung eine Bevormundung der Bürger darstellen würde und verzichtet auf alle Steuerungsinstrumente zu Gunsten der Freiheit des Elternwillens. Angesichts der Überfüllung der Realschulen und Gymnasien werden Notpläne entwickelt, die dann als pädagogische Reformen verkauft werden. Abschulungsverbote, Verzicht auf Noten, die Unterrichtung der Schüler auf unterschiedlichen Leistungsniveaus in einer Klasse sind nur einige Beispiele für diese angeblich neue Pädagogik. In Wirklichkeit steht die Dorfschule des 19. Jahrhunderts, in der ein Lehrer alle Schüler gemeinsam unterrichten musste, Pate für diese Neuerungen. Und die Eltern schauen weitgehend passiv und desinteressiert zu oder drängen aktiv ihre Kinder in Schullaufbahnen, in denen sie scheitern! Das ist es, was Christine S. und ihre Kolleginnen und Kollegen nicht mehr verstehen.

Die Werkrealschule im Ort war bis vor wenigen Jahren stabil zweizügig. Jedes Jahr besuchten etwa 50 Schüler in jeder Klassenstufe erfolgreich die Schule, legten ihre Prüfungen ab und wurden in Ausbildungsplätze oder weiterführende Schulen im beruflichen Bildungswesen weiter vermittelt. Die große Mehrheit ihrer Absolventen sind heute Handwerksmeister, arbeiten als Facharbeiter in Industrie und Handel oder in sozialen Berufen. Nachdem die Landesregierung dem Ruf der Bürger nach Realschulen und Gymnasien folgte und auf die Steuerung der Bildungswege nach Leistungsvermögen zugunsten eines mehr oder weniger diffusen Begriffs des Elternwillens verzichtete, wurden diese beiden Schularten von Schülerströmen überschwemmt. Die leistungsstarken Schüler werden durch überforderte Klassenkameraden in übervollen Klassen an den Rand gedrängt. Die Lehrkräfte werden zunehmend mit den Problemen konfrontiert, die eine permanente Überforderung von Kindern und Jugendlichen mit sich bringen: Konzentrationsunfähigkeit und Verhaltensauffälligkeiten. Und die Kultusverwaltungen und Bildungspolitiker bemühen sich mit Begriffen wie Individualisierung, selbstorganisiertes Lernen, zieldifferenter Unterricht, dem Schlagwort von der Vielfalt als Wert an sich das ganze Dilemma als positive Entwicklung zu verkaufen! Gemeinschaftsschulen mit einem angeblichen Paradigmenwechsel und einer vorgeblich ganz neuen Pädagogik werden schlussendlich als Lösung des Problems angeboten. Diesem nicht erprobten Konzept misstrauen allerdings viele Eltern. Zumal die meisten dieser Schulen aus Hauptschulen hervorgehen, die in einem Kannibalisierungsprozess von der Schließung der Nachbarschulen profitieren und nicht die Drittelmischung aus bisherigen Haupt, Real- und Gymnasialschülern aufweisen, die für ihre Leistungsfähigkeit die Grundbedingung darstellt. So kommt es zum Sturm auf die Realschulen und Gymnasien. Diese müssen in ihren Bildungszielen angesichts der vielen überforderten Schüler kapitulieren. Am Ende verlieren alle: Die leistungsschwachen Schüler, die keine ausreichende Förderung mehr bekommen und die Leistungsstarken, die durch die Flut der anderen im Lernen behindert werden.

In der Realität heißt das, dass eine ganze Generation von Kindern und Jugendlichen einer fatalen Abwärtsspirale ausgesetzt wird. Die Bildungschancen dieser Schüler werden verspielt und eines der weltbesten Bildungssysteme zerstört. Deshalb seufzt Christine S. angesichts dieser Entwicklung: ""Dies alles verstehe, wer will - ich verstehe es nicht!" 

V.i.S.d.P. Silke Sommer-Hohl

Bündnis-pro-Bildung, BW e.V.