Slideshow Image 1

Pressemitteilungen

Sind Stochs Pläne eine »Mogelpackung«? 

Rektoren und Bildungsverband unzufrieden mit Realschul-Konzept 

Von Sylvia Wiegert


Stuttgart. Arbeitet Grün-Rot an der Weiterentwicklung der Realschulen im Land oder an deren Abschaffung durch die Hintertür? Kritiker fürchten, Kultusminister Andreas Stoch (SPD) wolle die Realschulen schrittweise zu Gemeinschaftsschulen machen.
Die Befürchtungen scheinen nicht unbegründet: Selbst im Kultusministerium, heißt es in Insiderkreisen, werden Stochs Reformpläne für die Realschulen stellenweise nicht mehr als »Weiterentwicklung« bezeichnet, sondern als »Zwischenstation« auf dem Weg zur Gemeinschaftsschule. Und auch die Pläne selbst können diese Befürchtung durchaus nähren: Ende November teilte der Kultusminister mit, dass die Realschulen ab dem Schuljahr 2016/2017 sowohl wie bisher das mittlere, als auch zusätzlich das grundlegende Niveau unterrichten und in Zukunft neben der Realschulabschlussprüfung nach Klasse zehn zusätzlich auch die Hauptschulabschlussprüfung nach Klasse neun in eigener Zuständigkeit abnehmen werden.
Auf welchem Niveau ein Schüler unterrichtet wird, soll nach Stochs Änderungsplänen nach einer zweijährigen Orientierungsstufe in Klasse fünf und sechs jeweils für das Folgeschuljahr festgelegt werden. Unabhängig vom jeweiligen Leistungsniveau sollen die Schüler aber weiter gemeinsam unter- richtet werden. Eine äußere Differenzierung, so Stochs Konzept, soll in den Klassenstufen sieben und acht nur zeitweilig in den Hauptfächern möglich sein.
Was auf den ersten Blick als Modernisierung des Realschulwesens daherkommt, birgt für so manchen Kritiker allerdings jede Menge Sprengstoff. Als »Mogelpackung« bezeichnen die Opposition und der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Stochs Reformpaket. Dessen Verbandssprecher Michael Gomolzig wettert, das grün-rote Realschulkonzept sei ein »Trojaner«, der das Bildungssystem infizieren werde. Denn Stochs Pläne tangieren längst nicht nur die Realschulen: Die Ersten, die die Reform hart treffen könnte, sind die Werkrealschulen und die Verbundschulen, bei denen Real- und Werkrealschulen zwar unter gemeinsamer Leitung, aber weiterhin als eigenständige Schulen arbeiten.

Schulleiter kritisieren Kultusminister wegen Ungleichbehandlung
Beispiel Freudenstadt: Dort will die Stadtverwaltung auf sinkende Schülerzahlen an der örtlichen Werkrealschule und auf den demografischen Wandel reagieren. Das bislang von Werkreal-, Realschule und V erwaltung favorisierte Modell ist der V erbund der beiden Schulen. Ob dieser mit Stochs Reform noch Zukunft hat, ist unsicher. Wenn die Realschule auch den Hauptschulabschluss anbietet, werden die Eltern ihr Kind gleich dort anmelden, so die Befürchtung. Die Werkrealschule könnte dann bei den Anmeldungen leer ausgehen.

»Stochs Realschulpläne sind das Aus für die Werkrealschulen«, sagt auch Paul Gihr, Schulleiter der Realschule in Bonndorf im Schwarzwald (Kreis Waldshut). Für ihn deutet vieles darauf hin, dass Stochs »Weiterentwicklung der Realschulen« nichts weiter als die Zwischenstation werden soll. Anders kann er sich die bildungspolitische Ungleichbehandlung der Schularten nicht erklären.

Beispiel Förderstunden: Realschulen erhalten pro Zug 2,6 Förderstunden, die Gemeinschaftsschulen zwölf Stunden pro Zug, sagt Gihr. Gleiches gelte für die Sachkostenbeiträge des Landes pro Schüler: Die betragen für Realschüler rund 580 Euro, für Gemeinschaftsschü- ler etwa doppelt so viel, »dabei haben wir das gleiche Schülerklientel«, bemängelt der Schulleiter. Für ihn ist die Botschaft des Kultusministers an die Realschulen klar: »Wenn ihr mehr Ressourcen wollt, macht euch auf den Weg zur Gemeinschaftsschule.«

Paul Gihr ist nicht der einzige Realschulleiter, der sich offen gegen die Reformpläne des Kultusministers wehrt: In einem gemeinsamen Schreiben an den Minister kritisieren 32 Realschulleiter und deren Stellvertreter aus dem Großraum Freiburg die neuen Reform- pläne. Ihr Hauptkritikpunkt neben der Ungleichbehandlung bei der Ausstattung ist die mangelnde Differenzierungsmöglichkeit bei unterschiedlichen Niveaustufen.

»Ab der siebten Klasse ist eine äußere Differenzierung unabdingbar«, schrei- ben die Schulleiter, schließlich sei ein Hauptschulabschluss nicht nur eine abgebrochene Realschulkarriere. Haupt- und Realschulabschluss müssten viel- mehr in unterschiedlichen Bildungsgängen vorbereitet und erreicht werden. Und noch etwas wurmt die Rektoren: Während Gemeinschaftsschulen neben Grundniveau und mittlerem auch das erweiterte Niveau anbieten können, soll dies den Realschulen verwehrt bleiben. Damit würden die Realschulen schlech- ter gestellt als die Gemeinschaftsschu- len, heißt es im Schreiben.

Eine Tatsache, die auch Paul Gihr für bedenklich hält, da die Reform damit eine dritte Schulart tangieren würde: Rund ein Drittel der Realschüler wechseln derzeit nach der mittleren Reife auf die beruflichen Gymnasien, gibt der Bonndorfer Schulleiter zu bedenken und fürchtet: »Wenn wir künftig kein erweitertes Niveau mehr unterrichten dürfen, könnten die Anschlüsse nicht mehr passen.« Eine Abschaffung der Realschule alten Modells sieht Girr dennoch nicht so schnell: Diese Schulart sei schließ- lich ein Erfolgsmodell und genieße bei Eltern, Schülern und Unternehmern im Land hohes Ansehen, »da würde das Ministerium auf Granit beißen«, prophezeit er.