Slideshow Image 1

Pressemitteilungen

Keine Perspektive für Realschulen?

von Sylvia Wiegert, 04.12.2014 06:53 Uhr

 

 

Freudenstadt - Ist es ein Weihnachtspäckchen oder doch eine Mogelpackung, die der Kultusminister für die Realschulen im Land geschnürt hat? Von der CDU kassierte Andreas Stoch (SPD) gestern jedenfalls eine klare Abfuhr.

"Das ist eine missglückte Rolle rückwärts", kommentierte CDU-Fraktionschef Peter Hauk gestern im Gespräch mit unserer Zeitung das Eckpunktepapier, mit dem Stoch die Realschulen im Land weiterentwickeln will. Diese sollen 500 zusätzliche Lehrerstellen, mehr Lehrerfortbildungen und Poolstunden zur differenzierten Förderung erhalten. Nach einer Orientierungsstufe in den Klassen fünf, sechs und sieben in den Hauptfächern sollen die Schüler auf zwei unterschiedlichen Niveaus, dem Grundniveau und dem mittleren Niveau, unterrichtet und zum Hauptschul- oder Realschulabschluss geführt werden. So schlägt es Stoch vor.

"Wir wollen an einer echten Differenzierung festhalten, Grün-Rot will eine Einheitsschule", fasst Hauk die bildungspolitische Meinung seiner Partei zusammen. Die schlug gestern mit einem Schreiben an die Realschulrektoren im Land Alarm: Stochs Konzept sei nur auf den ersten Blick ein Zugeständnis an die Realschulen, tatsächlich versuche er aber dort, die Gemeinschaftsschule durch die Hintertür einzuführen, warnt die CDU.

Der einzige Unterschied sei, dass in Stochs Konzept auf das Versprechen eines gymnasialen Niveaus verzichtet wird, schreiben die Christdemokraten den Rektoren. Im Ergebnis würde dies aber die Realschulen gegenüber den Gemeinschaftsschulen abwerten, denn ohne gymnasiales Niveau wären sie für die Eltern unattraktiver als die Gemeinschaftsschule.

Das CDU-Fazit: Die Realschule erhalte durch das Papier von Grün-Rot keine echte Perspektive. Dabei könnte es diese Schulart nach Ansicht Hauks auch weiterhin geben, beispielsweise in Form von Verbundschulen: "Die Schülerzahlen werden nicht so dramatisch zurückgehen, dass differenzierte Bildung nicht mehr möglich sein wird", prophezeit er. Generell sei es wichtig, dass die Organisation des Schulwesens von unten her kommt, so Hauk. Dazu müssten Schulträger und -behörden eng zusammenarbeiten.

Auch Eltern sowie Verbände üben Kritik

Hauk räumt auch eigene Versäumnisse zu Zeiten der CDU-Landesregierung ein: "Ich glaube, wenn wir etwas anders machen würden als vor fünf Jahren, wäre es, Schulentwicklung von unten her stärker zuzulassen." Wichtig sei, dass die Abschlüsse nicht an Qualität verlieren, deshalb müssten auch die Wege zu den Abschlüssen differenziert sein, so Hauk: "Wenn in der Realschule künftig nur noch auf mittlerem Niveau unterrichtet wird, können auch die Anschlüsse an berufliche Gymnasium nicht mehr gelingen", fürchtet er.

Kritik an Stochs Realschulkonzept hagelte es auch von Eltern- und Verbandsseite: Rechne man die zusätzlichen 500 Lehrerdeputate auf die 420 staatlichen Realschulen im Land um, so erhalte jede Realschule statistisch gesehen ungefähr 1,2 Lehrkräfte mehr – das entspreche, in Lehrerwochenstunden umgerechnet, ungefähr einer Stunde mehr pro Klasse und Woche, hält die Elternorganisation Bündnis pro Bildung dem Kultusminister vor und mahnt: "Das reicht nicht einmal ansatzweise aus!"

Auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) geht mit Stoch ins Gericht: "Wenn der Druck von außen bisher nichts bewirkt hat, dann muss wohl der Zerschlagungsprozess der Realschulen – oder wie es in Politikerdeutsch heißt: die Weiterentwicklungsmöglichkeit – systemimmanent betrieben werden", wettert der Verband und kritisiert, Stochs Konzept sei ein "kultusministerieller Trojaner", der die Realschulen durch die Hintertür zu Gemeinschaftsschulen mache.