Stellungnahme neue "Lernformen" und selbstorganisiertes Lernen

 

Häufig wird in der Diskussion über sogenannte “neue Lernformen” das Loblied auf selbstorganisiertes Lernen gesungen. Immer wieder wird z B. in der Debatte um die Einführung der Gemeinschaftsschule der Paradigmenwechsel schulischen Arbeitens betont. Allerdings wird bei dieser Argumentation häufig übersehen, dass selbstverantwortliches Lernen das Ziel und Ergebnis schulischer Lernprozesse ist und nicht die Voraussetzung schulischen Arbeitens.

 

Ergänzend meine ich, dass die Strukturdebatte in Deutschland nicht ideologisch zu betrachten ist. Schule, Erziehung und Bildung brauchen einen ruhigen, realistischen Blick auf Kinder und Jugendliche, Stabilität und langsame Anpassung. Dabei muss immer ein ständiger Austausch zwischen Theorie und Praxis gewährleistet sein. Problematisch ist es, wenn – so erlebe ich es zur Zeit bei der Gemeinschaftsschuldebatte - eigentlich unstrittige Punkte wie selbstorganisiertes Lernen, Lernen durch Lehren, individualisiertes Lernen vom Ziel von Erziehung und Bildung zur selbstverständlichen Voraussetzung von schulischen Lernprozessen erklärt wird. Dies entspricht nicht den realen Lebensbedingungen von Jugendlichen unter der Voraussetzung von Pubertät, der Suche nach Anerkennung durch Gleichaltrige, gesellschaftlich bedingten Ablenkungen wie Mode, Konsum etc.. Jugendliche kommen nicht immer nur voller Lernbegierde in den Unterricht und arbeiten von sich aus selbstbestimmt. Wenn es heißt: “… die Gemeinschaftsschule bietet eine anregende Lernumgebungen an, in denen voneinander und miteinander zielorientiert und selbstverantwortlich gelernt, gearbeitet, gespielt, gelacht und gefeiert wird und in der jeder Einzelne seine Talente entfalten kann.”, ist das sehr erfreulich. Nicht vergessen darf man aber, dass Lernen immer auch mit Arbeit und Mühe verbunden ist. Lernen kann Freude bereiten, wenn man Erfolge feststellt. Schule ist mehr als die Bereitstellung von Lernumgebungen und kommt nicht umhin, auch Tugenden und Werte wie Anstrengungsbereitschaft, Annehmen von Herausforderungen, Disziplin, Akzeptanz von Regeln und Normen zu fordern und zu fördern.

 

Dass individuelles Lernen, Selbstverantwortung, Kreativität, Vielfalt der Wege des Lernens, verständnisvolles Miteinander, Lachen und Feiern dabei nicht zu kurz kommen, ist (hoffentlich) ebenfalls auch jetzt schon Alltag in jeder Schulart

 

Grundsatzkritik:

Der international renommierte Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Ulrich Trautwein, Uni Tübingen, stellte fest, dass der von der Landesregierung eingeschlagene Kurs in der Bildungspolitik ein „riskante (r) Sonderweg“ ist. U. Trautwein kritisierte darüber hinaus ja auch, dass im Gegensatz zu fast allen anderen Ländern hierzulande mit der Gemeinschaftsschule eine ideologisch begründete methodische Unterrichtsphilosophie durchgesetzt werden soll. Diese starke Fixierung auf eine Methode sei ein Irrweg und benachteilige vor allem leistungsschwächere Schüler. Diese bräuchten „klare Strukturen und klare Vorgaben sowie viel Zeit zum Üben der grundlegenden Kenntnisse.“ Wenn sich diese Einsicht in breiterem Maße durchsetzen würde, kämen sicher Wege in den Blick, die einen Bildungskonsens ermöglichten.

 

Eine gute Lehrerin wird immer eine gute Lehrerin sein, egal unter welchem Schulsystem! Ich argumentiere auch immer gegen den Zwang, eine bestimmte Methodik anwenden zu müssen, nie gegen die Methode an sich (die im Einzelfall jeweils die richtige sein kann) und schon gar nicht gegen die Lehrer, die sie nach bestem Wissen und Gewissen in ihrer pädagogischen Verantwortung anwenden. Gestatten Sie mir einfach einmal eine kleine persönliche Anwendung zum besseren Verständnis: Ich habe 1978 meine Examensarbeit über offenen Unterricht geschrieben, wende in meinem Unterricht selbst eine Mischung aus eher lenkenden und frei lassenden Verfahren an - aber ich wehre mich entschieden dagegen, dass ein Unterrichtsbürokrat mir von seinem Schreibtisch aus vorschreiben will und kann, wie ich meinen Unterricht zu planen und durchzuführen habe. Jede ideologische Festlegung ist der Tod aller Pädagogik.

 

Und genau so arbeiten an "meiner" Schule viele meiner Kolleginnen und Kollegen und das führte vor Kurzem dazu, dass die persönliche Referentin von Herrn MP Kretschmann nach einem Besuch an der Schule sagte: Das ist ja Unterricht, wie er an einer Gemeinschaftsschule sein sollte. Ja, natürlich können wir das, aber wir können noch mehr, nämlich führen.

 

Es ist ja nicht in erster Linie eine Schulform, um die gestritten wird - auch ich persönlich bin der Meinung, dass eine bestimmte Größe für eine Schule wichtig ist und an manchen Standorten mag eine weniger differenzierte Schuleinheit (konkret meine ich einen Schulverbund) die richtige Entscheidung sein. Es ist die Festlegung auf eine bestimmte Unterrichtsphilosophie, damit verbunden auf ein spezifisches Menschenbild, das uns Lehrern per ordre de mufti aufgezwungen werden soll, gegen das ich argumentiere. Es ist die Art und Weise, wie im Moment Politik vorgeht, um ein ideologisch geprägtes Konzept durchzusetzen und Kinder/Jugendliche einem von oben verordnetem Experiment aussetzt.

 

Schule braucht Stabilität und Autonomie - nur so (dieses Apodiktum ist kein Widerspruch) ist Pädagogik möglich.

 

Inhaltlich gesehen meine ich aber auch, dass im Bereich der Primar- und Sekundarstufe Struktur und Führung als anthropologische Bedingung der Möglichkeit unabdingbar zu schulischem Arbeiten gehört - der konzeptionelle Zwang zu selbstorganisiertem Lernen als verordnetes Prinzip (!) entspricht nicht den realen Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen in diesem Alter und in diesem Lebensbereich Schule. Wenn Bildungspoltiker und -bürokraten per Verordnung den Pädagogen vor Ort eine andere Sichtweise vorschreiben wollen, nenne ich das Ideologie - und dagegen wende ich mich.

 

„Wir diskutieren leidenschaftlich über die äußeren Strukturen von Schule und Unterricht“, kritisiert John Hattie. „Sie rangieren aber ganz unten in der Tabelle und sind, was das Lernen angeht, unwichtig.“

 

(wk) Auf diese knappe Formel lassen sich die Ergebnisse der Studie

bringen,  die der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie in einer Untersuchung mit 250 Millionen Schülern herausgefunden hat (http://www.visiblelearning.de/schlagwort/john-hattie/).

 

Insgesamt fasste er mehr als 800 Metaanalysen, die wiederum 50000 Einzelstudien aufgreifen, zusammenfassen und untersuchte die einfache Frage: Was ist eigentlich guter Unterricht.

 

Und was ist das für die Wissenschaft so überraschende Ergebnis? Es ist nicht die Schulform, das Lieblingskind deutscher Bildungspolitiker, welches den Lernerfolg maßgeblich beeinflusst. Es stellt sich nicht die Frage, ob etwa eine Gemeinschaftsschule einem mehrgliedrigen Schulsystem über- oder unterlegen ist. Nicht einmal die so oft herangezogene Ausstattung der Schulen oder der ewige Zankapfel Klassengröße entscheidet darüber, wie viel Schüler lernen. Entscheidend ist nach John Hattie vor allem die Unterrichtsqualität der Lehrerinnen und Lehrer in den Klassen.

 

Was ist ein guter Lehrer?

Er fand heraus, dass vor allem Elemente maßgeblichen Einfluss auf den Lernerfolg der Schüler haben, die im pädagogischen Handeln des Lehrers liegen. Das Bild eines erfolgreichen,  das heißt nachweislich wirksamen Lehrers, überrascht durch ungewöhnlich starke Betonung auch emotionaler Qualitäten. So  betont er nicht nur die Notwendigkeit des Engagements, sondern spricht auch von der Notwendigkeit  eines leidenschaftlichen Handelns in der Pädagogik mit einer ansteckenden Wirkung.  Gefragt sind Lehrer, die „ihre Fächer“ nicht nur beherrschen, sondern lieben und so ansteckend auf ihre Schüler wirken.

Wissen wir alle das nicht aus der eigenen Schulzeit? Erinnern wir uns nicht genau an diese Lehrer, wenn wir in Gedanken zurückwandern? Und sind es nicht genau diese Lehrkräfte gewesen, bei denen wir am meisten gelernt haben?

Hattie weiß auch, dass Schüler und Lehrer sehr unterschiedlich sind. So betont er die Notwendigkeit, dass beide Lernpartner sich ihrer Individualität bewusst sind. Dabei muss der Lehrer das Geschick haben, sein Handeln bewusst so zu steuern, dass er den Lernprozess aus der Perspektive aller seiner Schüler wahrnimmt. Aus dieser Wahrnehmung heraus muss er angemessene Herausforderungen vorgeben, Vertrauen in deren Erreichbarkeit vermitteln und regelmäßig allen Schülern Rückmeldungen zu geben.

Ein guter Lehrer vermittelt seinen Schülern erfolgversprechende Lernstrategien und hilft auf methodisch geschickte und menschlich annehmbare Weise weiter.

 

Was sind Konsequenzen?

Nehmen wir die Ergebnisse der Studie ernst, so müssen wir alle Abstand nehmen von den Diskussionen über Schularten, Schulstrukturen und uns alle wieder konzentrieren auf das, was Lehren und Lernen ausmacht – die Situation im Klassenzimmer.

Lernen geschieht in einer direkten Interaktion zwischen Kindern und Jugendlichen und einem Lehrer, der seine Klasse im Griff und jeden Einzelnen stets im Blick hat. Er ist nicht Lernbegleiter, sondern ein Mensch, der etwas weiß und kann und von seinen Schüler in fachlicher und menschlicher Weise respektiert und gemocht wird. Folgt man den Ergebnissen der Studie, dürfen selbstredend Unterrichtsformen wie etwa das „Kooperative Lernen“ oder „selbstorganisiertes Lernen“ nicht als dogmatische Setzungen vorgeschrieben werden, wie dies beispielsweise zur Zeit bei der Einführung der Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg praktiziert wird und als Paradigmenwechsel in der Schulpädagogik angepriesen wird.

 

Eine solche Hinwendung zu dem, was erfolgreiches Lernen ausmacht, bringt es allerdings auch mit sich, dass die leidigen Diskussionen über gute oder schlechte Schulformen überflüssig werden. Vielleicht gelingt es so, dass auch Eltern sehen, dass es nicht darauf ankommt, welches Etikett einer Schulart den Schulnamen ziert (oder diskriminiert), sondern ob die Lehrkräfte einer Schule sich erfolgreich bemühen, dass die Kinder und Jugendlichen dort sich wohlfühlen und das lernen, was ihnen möglich ist.